„Auf der schles´schen Eisenbahne …“
Niederschlesien im Aufbruch
4. Museums-Musik-Projekt 2023-2024
Die Sonderausstellung “Niederschlesien im Aufbruch“ bietet eine hervorragende Grundlage für die Zielgruppe hochbetagter Menschen mit einer demenziellen Beeinträchtigung.
Die Ausstellung thematisiert den Bauabschnitt der sogenannten Niederschlesischen Gebirgsbahn, welche im Streckenverlauf die Orte Görlitz in der Oberlausitz mit dem niederschlesischen Kohlerevier Waldenburg (Wałbrzych) verbindet. Entlang dieser Streckenführung haben sich eben durch den Bau dieser Eisenbahntrasse beachtliche Standorte von Handwerk, Industrie und Tourismus entwickelt. Damit war auch ein gesellschaftlicher Umbruch angestoßen, der bis in die Gegenwart diese Kulturlandschaft beeinflusst. Produkte mit ausgezeichnetem Ruf konnten nun aus den Tälern der Gebirgsvorlandschaft tausende Kilometer weit verbreitet und vermarktet werden. Lauban stellte nun die „Taschentuchstadt“ in Deutschland dar, in Langenöls nahm das Patent des Ausziehtisches seinen Anfang und in Hirschberg wurden hochziselierte Spitzen als Luxusartikel gefertigt und bis nach Belgien vermarktet. Waldenburg wiederum ist als Standort des sogenannten „Weißen Goldes“ und des „Schwarzen Goldes“: Porzellanproduktion und Braunkohleabbau bekannt.
Die benannten Produkte der Sonderausstellung lassen sofort Assoziationen in der eigenen Lebensbiografie entstehen: Alltagsgegenstände wie Stofftaschentücher und Gebrauchsporzellan gehören ebenso dazu, wie Erlebnisse mit der „Eisenbahn“ und der alltägliche Umgang mit dem Energieträger Kohle. Von einem Klapptisch zu berichten ist ein Leichtes in den Generationen Krieg und Nachkrieg und das Verreisen in das Riesengebirge mit allen Herausforderungen und Annehmlichkeiten des „modernen“ Tourismus ist oft ein fester Bestandteil dieser Generation in unserem Landkreis.
Die etablierte Form der szenischen Darstellung soll die Besucher in die Zeit der Eisenbahnreisen als Hauptfortbewegungsmittel versetzen, Orte die auf der Strecke liegen, werden angefahren und vom Schaffner angekündigt. Da es sehr gut möglich ist, „aus dem Fenster zu schauen“ sind die vielfältigen Produktionsstätten anzusehen und diese in Augenschien zu nehmen. Nähe zu den Objekten zu vermitteln ist auch in dieser Veranstaltung das Anliegen der Akteure.
Im Berühren und Tasten der Gegenstände, die thematisiert sind, wird ein wertvoller Erlebnisraum geöffnet, der den Besuchern und Besucherinnen und dem Begleitpersonal die Möglichkeit gibt, persönliche Erlebnisse zu erinnern, zu reflektieren und einzuordnen. Für die Betreuenden ist es sehr oft die Möglichkeit, ihre zu Betreuenden im Fokus wahrzunehmen, zu beobachten und unbekannte Seiten der jeweiligen Persönlichkeit zu entdecken.
Da das Thema „Bahnfahrt“ auch negative Erinnerungsmomente auslösen kann in Bezug auf Kriegserfahrungen, und/oder lebenslang entwickelte Narrative zum Thema Flucht und Vertreibung, gilt es potentielle Verhaltensmuster von vorn herein zu bedenken. Fachliche Kompetenz und Fingerspitzengefühl in dieser Thematik sind notwendig, die im Vorfeld als mögliche Reaktionsmuster von den Protagonisten der Veranstaltung klar thematisiert und in der emotionalen Folgewirkung aufgefangen werden müssen. Die Generation Zeitzeugen im Schlesischen Museum zu Görlitz wird kleiner, ist aber auch bei derartigen Veranstaltungen präsent und dadurch schnell mit unangenehmen Biographieinhalten konfrontiert.
Text: Matthias Voigt, Schlesisches Museum zu Görlitz
Rollen der Protagonisten:
Schaffner (Christiane Dumke, Musikgeragogin),
Mitreisende junge Landfrau (Beate Wuigk-Adam, Kunsttherapeutin)
Heizer (Matthias Voigt, Mitarbeiter Schlesisches Museum zu Görlitz, Sozialpädagoge, Historiker)
Schilderträger und Geräuscheeinspieler (Thomas Girke)
Kooperationsprojekt mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz